Freitag, 19. Juni 2009

Heute, 14 Uhr in Evanston.......

....seit 13 Jahren nun bin ich in der Erwachsenenbildung taetig... naja, sagen wir es mal anders: Seit 13 Jahren ziehe ich nun schon mit "de alde Leut" um die Haeuser... ich bin vieles gewohnt und habe schon alles gesehen! Mich kann man nicht mehr schocken! --dachte ich jedenfalls!
ABER weit gefehlt: was ich heute Nachmittag erlebt habe, das war selbst fuer mich eingefleischte Altenkennerin schwer beeindruckend!
Ich habe meinen Berlin Wall Vortrag heute in einer Seniorenresidenz in Evanston gehalten. Und diese Residenz samt ihrer Klientel ist sehr vielfaeltig. Man kann da als Endsechziger wohnen im eigenen Apartment (fuer Witwer zu empfehlen die nicht selbst kochen koennen oder moegen) oder man kann sich rund um die Uhr betreuen lassen. Dementsprechend divers waren dann auch meine Gaeste, die um 14 Uhr den Mehrzweckraum bevoelkerten. Es waren so ca. 60 Leute da und ich wuerde mal sagen 3-5 im normalen Elderhostelzustand. Mit "Elderhostelzustand" meine ich, dass die Leute zwar alt sind aber dennoch selbst laufen und noch den ein oder anderen klaren Gedanken fassen koennen...Der Rest der Residents war, gelinde gesagt, "totally kaputt", wie es der Ehemann ausdruecken wuerde:
Die Leute mit den Walkern waren noch die fittesten! Die meisten waren im Rollstuhl, eine Frau sogar kam in einem bettaehnlichen Ding in den Raum gefahren. Ich fuehlte mich, als haette mir das Alter mit all seiner Schrecklichkeit und Erbaermlichkeit direkt ins Gesicht geschlagen! WOW!
Ich moechte alle jungen Leser und Leserinnen darauf aufmerksam machen, dass es sich bei unserer Existenz wirklich um einen "cirle of life" handelt: es ist tatsaechlich so, dass wir mit dem Alter wieder zu kleinen 2 jaehrigen werden! Die Leute sassen da und hoerten meinen Vortrag und ganz oft gingen Haende in die Hoehe. Ich dachte, sie haetten eine Frage, aber nein, sie signalisierten dem halben Dutzend Schwestern und Pfleger, dass sie auf die Toilette muessen. Als ich die Geschichte vom Begruessungsgeld fuer die Ostdeutschen erzaehlte, rief eine Frau im Rollstuhl in der ersten Reihe: I gotta pee!!!!
Der Pfleger kam sofort und versuchte, ihr aus dem Rollstuhl zu helfen aber das ging irgendwie nicht und die beiden wurden etwas panisch, denn die Frau drohte in die Hose zu machen was dem Pfleger bestimmt nicht gefallen haette.... Und ich dann mittendrin mit meinem: aeh, o.k.-- where was I? Oh, yes, the Welcome Money! Every East German received 100 DM......
HILFE!!!!!
Am Ende des Vortrags kam eine Krankenschwester auf mich zu und sagte, dass ihr meine presentation sehr gefallen haette und dann haben wir etwas smalltalk gemacht und sie erzaehlte von ihrer Grossmutter die 101 Jahre alt ist und alleine in Detroit lebt und dann sagte sie im Hinblick auf das Altern und die greisen Leute, die sie betreut: God is good!! I hope to live forever!
Und ich dachte dann: Wie kann die das sagen? Wie kann diese Frau tagein tagaus mit dieser Erbaermlichkeit konfrontiert werden und dennoch hoffen, dass sie auch mal so lange lebt wie diese gebrechlichen, senilen Menschen, die sie da betreut?!
Aber vielleicht ist es ja gerade das: vielleicht sind diese Menschen an einem Punkt angelangt, an dem es einfach nur reicht, noch atmen zu koennen und eben noch da zu sein! Ob jetzt im Rollstuhl oder im Bett oder wie auch immer! Was macht es schon aus, ob ich mir meine eigene Suppe kochen kann, solange es jemanden gibt, der sie mir loeffelweise einfloesst, ist doch noch alles in Ordnung! Vielleicht ist das fuer einige Menschen genug?!
Ich weiss nicht, ob ich das koennte... ob ich irgendwann genug habe vom Leben oder ob ich immer weitermachen will... noch ein Jahr, noch einen Monat, noch eine Woche, noch einen Tag.....
Vielleicht ist das auch etwas typisch amerikanisches, dieses nicht loslassen wollen und dieses pragmatische.... hm....wenn das laufen nicht mehr geht, dann fahre ich halt im Rollstuhl, wenn das denken nicht mehr geht, dann habe ich einen netten jungen Mann aus den Philippinen, der mich auf die Toilette setzt....Vielleicht ist ja alles besser als der Tod?
Ich weiss auch nicht... ich finde das alles hoch interessant.... total angst einfloessend zwar auch..... aber auf jeden Fall interessant!

Ein Mann kam auf mich zu und sagte, er sei 1954 in Deutschland stationiert gewesen. Als ich fragte wo das gewesen sei, sagte er stolz: "In Stuttgart, where they make God's own car--the Mercedes!"

Oh, meine alde Leut........

1 Kommentar:

Tanja hat gesagt…

..oh je, was haben wir wieder lachen muessen! Wir lieben deine Geschichten1